September 6, 2026

Die Verherrlichung von Ratko Mladić – dem ehemaligen General der Armee der Republika Srpska, der vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermords (unter anderem in Srebrenica), Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt wurde – hat tiefsitzende politische, gesellschaftliche und psychologische Ursachen.

Hier sind die wesentlichen Gründe für seine Verehrung durch bestimmte Gruppen:

1. Selektive historische Erzählung und Ethno-Nationalismus

  • Die “Verteidiger”-Rolle: In der nationalistischen serbischen Wahrnehmung wird Mladić nicht als Kriegsverbrecher gesehen, sondern als patriotischer Soldat, der sein Volk während des bosnischen Bürgerkriegs (1992–1995) vor der Vernichtung bewahrt hat.
  • Opfermythos: Es existiert ein starker historischer Narrativ, nach dem die Serben historisch gesehen stets Opfer und niemals Täter waren. Verbrechen der eigenen Seite werden in diesem System ausgeblendet, relativiert oder als reine Verteidigungsmaßnahmen dargestellt.
  • Kollektive Identität: Die Identifikation mit Mladić dient der Stärkung eines ethnischen Zusammenhörigkeitsgefühls, das sich stark über die Abgrenzung und Abwehr äußerer Feinde definiert.

2. Politische Instrumentalisierung und Propaganda

  • Binnenpolitischer Nutzen: Nationalistische Politiker in Serbien und der Republika Srpska (dem serbischen Teilstaat in Bosnien und Herzegowina) nutzen das Bild von Mladić gezielt, um Wählerstimmen zu mobilisieren und von wirtschaftlichen oder sozialen Problemen abzulenken.
  • Leugnung von Staatsverbrechen: Durch die Glorifizierung Mladićs versuchen politische Eliten zu verhindern, dass den serbischen Vorkriegs- und Kriegsinstitutionen eine historische Mitschuld zugeschrieben wird. Das offizielle Eingeständnis des Genozids wird systematisch verweigert.

3. Ablehnung internationaler Justiz

  • Misstrauen gegen den Den Haager Gerichtshof (IStGHJ): In weiten Teilen der serbischen Bevölkerung gilt das UN-Tribunal in Den Haag als voreingenommen und “antiserbisch”. Weil dort prozentual mehr Serben verurteilt wurden als Angehörige anderer Kriegsparteien, wird das Gericht als Instrument westlicher Politik wahrgenommen.
  • Trotzreaktion: Die Verurteilung Mladićs durch eine als ungerecht empfundene ausländische Instanz führt zu einer “Jetzt erst recht”-Haltung, bei der der Verurteilte zum Märtyrer stilisiert wird.

4. Generationenübergreifendes Trauma und mangelnde Aufarbeitung

  • Fehlende Konsequenzen im Bildungssystem: In den Schulen der Region wird die jüngere Geschichte oft einseitig oder gar nicht unterrichtet. Jugendliche, die den Krieg selbst nie erlebt haben, wachsen mit den ungefilterten Narrativen ihrer Eltern und den sozialen Medien auf.
  • Jugendkultur und Provokation: Für Teile der jüngeren Generation (z. B. in Ultra-Fan-Gruppierungen von Fußballvereinen) sind Mladić-Graffitis und -Slogans zu Symbolen der Rebellion, der Provokation gegen den Westen oder des extremen Nationalismus geworden, ohne dass das reale Leid der Opfer reflektiert wird.

Zusammenfassung

Die Verherrlichung von Ratko Mladić basiert auf einem Schutzmechanismus gegen historische Schuld, gepaart mit politischem Kalkül und einer tiefen Skepsis gegenüber internationaler Justiz. Sie zeigt, wie ungelöste Traumata und mangelnde Aufarbeitung den Nationalismus über Generationen hinweg konservieren können.